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Warum du die Psalmen beten solltest

Artikel von Christopher Ash

Ich denke, jeder Christ sollte es sich zur Gewohnheit machen, durch die Psalmen zu beten. Wie kann ich dich überzeugen, das zu tun, falls du das noch nicht praktizierst? In Teaching Psalms, Band 1, habe ich die Argumente dafür ausführlicher dargelegt.

Aber hier stelle ich dir sieben gute Gründe vor:

1. Das Beten der Psalmen lehrt uns, wie wir beten sollen.

Dieser Grund ist bei weitem der wichtigste. Jedem Christen ist klar, dass wir beten sollten. Nach einer Weile merken wir, dass jemand uns das Beten beibringen muss (Lk 11,1); selbst wenn wir wiedergeboren sind, wissen wir nicht instinktiv, wie es geht. Das Gebet des Herrn dient als Vorlage, und die Psalmen füllen sie aus, indem sie die darin enthaltenen Themen ausweiten und widerhallen lassen. Nicht jeder Psalm ist ein Gebet, aber alle Psalmen formen unsere Gebete auf mancherlei Weise. So war es die Praxis der frühen Kirche, und wir sollten ihrem Beispiel folgen (siehe Eph 5,19).

Luther schrieb im Vorwort zum Psalter:

„So wie ein Lehrer für seine Schüler Briefe und kleine Reden verfasst, die sie ihren Eltern schreiben sollen, so stellt er durch dieses Buch sowohl die Sprache als auch die Gemütsverfassung zur Verfügung, mit der wir den himmlischen Vater ansprechen sollen.“

„Nach einer Weile merken wir, dass jemand uns das Beten beibringen muss; selbst wenn wir wiedergeboren sind, wissen wir nicht instinktiv, wie es geht.“

2. Das Beten der Psalmen übt uns darin, auf den reichen Schatz biblischer Wahrheit zu antworten.

Durch die Art und Weise, wie all die wunderbare Wahrheit der Bibel in die Psalmen ausgegossen ist, lehren sie uns, uns in Gott zu freuen: im Vater, im Sohn und im Heiligen Geist. Der Kirchenvater Athanasius sagt, wenn wir uns jedes Buch der Bibel als einen Garten mit einer besonderen Art von Früchten vorstellen, dann ist der Psalter ein Garten, in dem jegliche Art biblischer Frucht wächst. Vielleicht hatten deswegen im vordigitalen Zeitalter Reisende oft ein Neues Testament mit Psalmen dabei, wenn sie keine vollständige Bibel mitnehmen konnten.

Es dauert seine Zeit, aus den Psalmen zu lernen, wie man auf die Gesamtheit biblischer Lehre antworten soll. Aber es ist die Mühe wert. Wenn wir lernen, die Psalmen zu beten, werden wir auf jede Facette der biblischen Wahrheit im Gebet antworten können.

3. Das Beten der Psalmen formt Menschen, die in allen Lebenslagen rundum zum Gebet ausgerüstet sind.

Die Psalmen enthalten nicht nur die gesamte biblische Lehre, sie bringen auch jede Schattierung menschlicher Erfahrung zum Ausdruck. Einer meiner Studenten meinte, dass die Psalmen ihm eine reichere Palette an emotionalen Farben bereitstellen, um eigene und fremde Erfahrung zu beschreiben, zu verstehen und zu empfinden. So wie ein Kind beim Malen vom Einsatz von Primärfarben zur Verwendung subtilerer Töne übergeht, so entwickelt sich ein Christ, der von den Psalmen durchtränkt ist, von einer unreifen emotionalen Erfahrung zu einem reicheren und differenzierteren inneren Leben weiter.

In der wunderbaren Einleitung zu seinem Psalmenkommentar nennt der Reformator Johannes Calvin die Psalmen eine „Zergliederung aller Teile der Seele“, weil jeder „hier ein Spiegelbild aller inneren Regungen, die ihn bewegen“ findet. „Ja fürwahr! Hier schildert der heilige Geist uns lebendig die Schmerzen, die Traurigkeit, die Befürchtungen, Zweifel, Hoffnungen, Sorgen, Ängste, Verwirrungen, kurz, alle Regungen, durch die das menschliche Gemüt hin und her gezerrt wird.“

4. Das Beten der Psalmen richtet ungeordnete Neigungen wieder an Gottes guter Ordnung aus.

Du und ich – wir sind ein Konglomerat ungeordneter Neigungen. Wir begehren, was wir verabscheuen sollten, und was wir zutiefst ersehnen sollten, ist uns recht gleichgültig. Und das ist von entscheidender Bedeutung, denn unser Wille wird das wählen, was wir begehren; wir tun, was wir wollen. Das vielleicht notwendigste Werk Gottes in unseren Herzen ist die Veränderung unseres Verlangens, so dass wir wünschen, was Gott will. Erst wenn das anfängt zu geschehen, wird sich unser Leben auf der tiefsten Ebene unserer Herzen verändern.

5. Das Beten der Psalmen kann bittere Gefühle versüßen.

Wenn wir uns mit Groll, Bitterkeit, Zorn oder Verzweiflung in uns selbst zurückziehen, entfalten diese Gefühle eine immense Zerstörungskraft. Unser ganzes Leben bekommt einen bitteren Geschmack. Die Psalmen können diese dunklen Emotionen aufgreifen und in etwas Lebensspendendes verwandeln.

Die Psalmen – so schreibt Calvin – werden uns unterweisen, „wie wir das Kreuz zu tragen haben … so dass auch die bittersten Widerwärtigkeiten uns süß werden, weil sie von seiner [Christi] Hand kommen“.

6. Das Beten der Psalmen schützt uns vor der Gefahr individualistischer Frömmigkeit.

In der westlichen Kultur sehen wir unser Christsein oft als eine Sache „zwischen mir und Gott“ an, aber eigentlich ist es eine Sache „zwischen uns und Gott“ – wobei „uns“ sich auf die Gemeinde Jesu Christi in aller Welt und durch alle Zeitalter hindurch bezieht. Wenn wir die Psalmen recht verstehen, merken wir, dass sie nur Sinn ergeben, wenn wir uns bewusst sind, dass wir der Gemeinschaft des gesamten Volkes Christi zugehören und mit ihm gemeinsam beten und loben.

Ein Kommentator schreibt:

„Wann immer du die Psalmen liest, … betest, singst und liest du sie Seite an Seite mit einer großen Schar treuer Zeugen aus allen Zeitaltern. Die Worte, die du aussprichst, wurden zuvor schon tausend-, ja, millionenfach, ausgesprochen … Und wenn du liest oder singst oder betest, stehen Mose und Mirjam zu deiner Rechten, vor dir knien David und Salomo … und hinter dir ertönen die Stimmen von Hieronymus, Augustinus … Luther und Calvin … und vielen, vielen anderen!“

7. Das Beten der Psalmen entfacht Herzenswärme in unserer Beziehung zu Gott.

Schlussendlich ist das Beten der Psalmen Gottes Gegenmittel zur Kälte unserer Herzen in unserem Wandel mit Christus. Wir wissen, dass die Wahrheiten des Evangeliums und die Person Jesu Christi eigentlich das Aufregendste und Herzerwärmendste für uns sein müssten, aber Tatsache ist, dass wir uns manchmal so kalt, stumpf und leer fühlen, ohne Eifer und Leidenschaft. Wie können wir aus dem geistlichen Kühlschrank wieder in den Ofen der brennenden Liebe zu Christus versetzt werden? Die Psalmen sind ein wesentlicher Teil der Vorkehrungen, die Gott zu eben diesem Zweck für uns getroffen hat.

Habe ich dich überzeugt? Ich hoffe doch! Es würde mich sehr freuen, wenn ich dich in dieselbe Begeisterung für die Psalmen mit hineinziehen könnte, die in mir seit Langem herzliche Zuneigung zu Gott angefacht hat.


Christopher Ash arbeitet als Autor für das Tyndale House in Cambridge (England). Er hat zahlreiche Bücher geschrieben, darunter Psalms For You, Teaching Psalms (Band 1 und 2) und Bible Delight.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Evangelium21. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.